„Wildwasserfahren wird zum Normalfall“

Die Entwicklung der Konjunktur gerät aktuell ins Stocken: Auf jahrelanges Wachstum folgt nun die Krise. Im Interview erklärt unser Co-Founder und Managing Partner Robert Jacobi, wie Unternehmen am besten damit umgehen und warum sich schwere Zeiten auch als Chance nutzen lassen.

Foto: Rune Haugseng

Herr Jacobi, der lange, stete Konjunkturaufschwung ist derzeit unterbrochen. Manager – nicht nur in Deutschland – stehen vor der Herausforderung, diesem zu begegnen. Doch wie?

ROBERT JACOBI: Ich vergleiche die aktuelle Situation gern mit einer Wildwasserfahrt. Stellen wir uns vor, dass wir gemeinsam in einem Kajak auf einem Fluss in der Wildnis paddeln. Viele Kilometer haben wir auf friedlichem Wasser zurückgelegt, kurze Engstellen durch passende Manöver bewältigt, an Tempo zugelegt. Jetzt aber sehen wir einen Strudel vor uns, der größer ist als gewohnt, das Wasser schäumt. Was tun? Wir atmen kurz durch, besinnen uns auf die Technik und fahren hinein.

Klar ist die Fahrt herausfordernd und schwierig und hinter jeder Biegung können Stromschnellen lauern. Stellt sich die Frage: Wer kommt da am besten durch? Derjenige, der ängstlich klagt, oder derjenige, der in ruhigeren Zeiten sein Kajak flottgemacht und seine Paddeltechnik optimiert hat?

Ausrüstung und Technik sind entscheidend, denn doppelte Kräfte wirken: Der Digitalisierungsdruck hört nicht auf, nur, weil das wirtschaftliche Umfeld unsicherer wird. Die Mischung aus beidem bedeutet: Wildwasserfahren wird in vielen Branchen und Industrien zum Normalfall – und dafür sind Mut, schnelle Reaktionen, neues Wissen gefragt.

Und wie sind deutsche Unternehmen auf diese Fahrt vorbereitet?

Längst nicht alle Unternehmen in Deutschland haben ihre Hausaufgaben gemacht: 60 Prozent schreiben dem Thema Künstliche Intelligenz laut einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom eine große Bedeutung für ihre künftige Wettbewerbsfähigkeit zu. Aber nur zwölf Prozent nutzen, planen oder diskutieren deren Einsatzmöglichkeiten bereits. Bei Big Data und dem Internet der Dinge sieht es ähnlich aus.

Die Konjunktur bringt manche Steuermänner jetzt erst recht auf den Gedanken: Kräfte sparen, aufs Kerngeschäft konzentrieren, Innovation und Veränderung auf später verschieben. Aber das ist gefährlich! Fast jeder zweite Manager räumt ein, dass Konkurrenten aus der eigenen Branche, die frühzeitig auf digitalen Wandel gesetzt haben, vorne liegen. Jetzt aus Sorge vor einer Delle zu bremsen, macht den Abstand nur noch größer.

Doch was ist für Sie die Alternative? Wie können Manager im aktuellen Fahrtwasser Kurs halten und sogar Tempo aufnehmen?

Ich bin der Meinung, dass sich die aktuelle Krise als Chance nutzen lässt. Zukunftsprojekte zu pausieren oder sogar einzustellen ist auf jeden Fall der falsche Weg. Es gibt einen klügeren Weg, Spardruck zu begegnen: die planvolle Überprüfung der eigenen Innovationsinitiativen und Projekte. Welche zahlen auf die Gesamtstrategie ein, welche nicht? Sind sie sinnvoll vernetzt und ergeben sie ein großes Ganzes? Werden Erfolge auf das klassische Geschäft übertragen? Isolierte digitale Initiativen helfen ohnehin kaum, wenn die gesamte Wertschöpfung zu optimieren ist. 

Es ist sogar sinnvoll weiter zu investieren und zu expandieren. Die Bewertungen von jüngeren Firmen und Tech-Playern, ob börsennotiert oder nicht, wachsen nicht mehr so stark wie in den vergangenen Jahren. Die Gelegenheit, jetzt Start-ups zu ergänzen, die Know-how, Teams und Märkte mitbringen, sollte genutzt werden. Entscheidend dabei ist, noch genauer hinzuschauen als sonst: Akquisitionen sollten nicht für die Egos der Manager oder um positiver Schlagzeilen willen betrieben werden, sondern sehr selektiv – und mit einem detaillierten Plan für die Zeit danach.

Außerdem ist es wichtig, auf eine kurzfristige Rendite zu verzichten. Nicht nur das Management, auch die Shareholder sollten ihre Perspektive ändern: Ein Unternehmen, das jetzt weiter investiert – insbesondere in Forschung und Entwicklung, bewusst auch auf Kosten der kurzfristigen Rendite –, sollte langfristig an Wert zulegen, statt abgestraft zu werden. Wer nur die Zahlen unterm Strich optimiert, erhält allenfalls kurzfristig Auftrieb und wird mittelfristig stranden.

Welche Relevanz hat dabei das Thema Daten?

Eine Datenstrategie ist völlig unerlässlich. Wer keine hat, muss endlich eine umsetzen. Nur, wer seine Kunden kennt und versteht, gewinnt. Ohne maßgeschneiderte Datenstrategie geht das heute nicht mehr. In geeignete Software, Datenbanken und darauf spezialisierte Experten zu investieren, ist ein Erfolgsfaktor, der keinen Aufschub verzeiht. Im Gegenteil: In keinem anderen Bereich ist es anspruchsvoller, vorne zu bleiben. Sonst zieht die Konkurrenz an einem vorbei.

Was bedeutet das für den „War of Talents“? Heißt weniger Konjunktur auch weniger Arbeitsplätze?

Die Stellenangebote für Digitalberufe und in den MINT-Berufen waren in Deutschland im zweiten Quartal 2019 erstmals seit Jahren rückläufig. Das ist kein gutes Zeichen. Wer von seinem Geschäftsmodell überzeugt ist, sollte gegen den Trend handeln und in Talente investieren – erst recht, wenn das Gehaltsniveau etwas zurückgeht. Unternehmen, die auf ruhigeres Fahrwasser warten, werden sich wundern: Im Strudel zwischen branchenfremden, neuen Wettbewerbern und höheren Ansprüchen der Kunden lässt sich auch dann kein Gleichgewicht mehr finden.

Wichtig ist da auch immer: Haltung bewahren. Auch wenn die Zeiten schwierig sind, sollte in konjunkturell schwierigen Zeiten klar kommuniziert werden. Massiver Jobabbau sollte nicht mit Digitalisierung gerechtfertigt werden, wie zuletzt mehrfach geschehen. Wer einmal so argumentiert, braucht Jahre, bis die Scherben dieser negativen Konnotation wieder aufgekehrt sind – und das wichtige Thema ist verbrannt.

Klar klingen all diese Sachen anstrengend. Aber die Alternative, die Strömung zu verändern und den Veränderungsdruck abzustellen, besteht im Wirtschaftsleben genauso wenig wie in der Natur. Und es winkt sogar eine Belohnung: Stromschnellen zu durchfahren machen dem trainierten Kajakfahrer keine Angst mehr, sondern sogar Spaß. Erst recht, wenn er mit einem Vorsprung aus ihnen wieder hinausfährt.