Jérôme Nonnenmacher über Nunataks „New Mobility”-Studie

Die Karten im Mobilitätsmarkt werden gerade neu gemischt. Automobilhersteller konkurrieren mit Start-ups, Zulieferern oder innovativen Konzernen. Spätestens seit dem 15.06.2019, dem Start des E-Scooter-Sharing in Deutschland, kommt diese Dynamik auch merklich beim Endnutzer an. Unsere neue Studie „New Urban Mobility” geht den Fakten auf den Grund – ist der Hype schon vorbei? Der Initiator der Studie Jérôme Nonnenmacher, Leiter der Mobility-Practice, im Interview.

Der Initiator der Studie Jérôme Nonnenmacher, Leiter der Mobility-Practice, im Interview

 

Herr Nonnenmacher, Sie haben eine große Studie zum Thema „New Mobility“ initiiert. Warum?

JÉRÔME NONNENMACHER: Nicht erst seit der von Greta Thunberg angestoßenen „Fridays for Future“-Bewegung setzen sich die Menschen mit den Themen Stau, Lärmbelästigung und umweltbewusste Fortbewegung auseinander. Das betrifft natürlich auch uns als Nunatak Group – sowohl privat als auch über unsere Kunden im Mobilitätsmarkt. Und gerade in diesem Bereich treibt der Megatrend der Digitalisierung derzeit entscheidend mit an. 

Wie immer gilt außerdem bei uns: Was unsere Kunden bewegt, bewegt auch uns. Daher wollen wir über unseren Marktforschungsansatz mit Fakten den Status der Mobilitätswende und auch den gesellschaftlichen Platz von neuen Mobilitätsservices aufzeigen. Da wir immer vom Endkunden her denken, gehen wir dem Thema auf den Grund. 

Was ist Ihre Prognose: Welche Trends werden „New Mobility“ in den Städten maßgeblich prägen?

Man kann ja erst dann von einer Prägung sprechen, wenn das Nutzerverhalten dauerhaft verändert wird, sonst ist es meist nur ein Medienthema, das Neues aus gewohnter Gegenwehr thematisiert. 

Meiner Meinung nach sollten Plattformanbieter wie die MVG, Uber oder CleverShuttle sich zusammenschließen und eine nahtlose Mobilitäts-Journey ermöglichen, beispielsweise durch Kombitickets für inter-modales Verkehrsverhalten, in dem zu einem festgelegten Preis zwei oder sogar drei Verkehrsmittel genutzt werden können. Wird das dann noch in Abos gebündelt, wie es beispielsweise bei dem Anbieter WHIM in Helsinki oder in Augsburg seit kurzem möglich ist, erhöht sich nicht nur die Kostentransparenz, sondern auch die Bereitschaft von Unternehmen diese Abos im Rahmen der Jobcard anzubieten. Erst so wird die Nutzung weiter nach oben gehen und das Mobilitätsverhalten in der Stadt nachhaltig verändert. Klar kann es einzelnen Services gelingen sich zu etablieren, aber die breite Masse wird erst durch die Einführung einer übergreifenden Plattform erschlossen. Ich persönlich sehe da vor allem Google (Maps) ganz vorne. Die besten Kartendaten, auf fast jedem Smartphone vorinstalliert, herausragende Entwicklerkompetenz – wenn Google diese Funktionalität einführt, wird es im Mobilitätsmarkt richtig spannend.

Alle reden aktuell von E-Scootern. Wie sehen Sie das: kurzfristiger Hype oder langfristiges Geschäftsmodell?

Eindeutig ein Hype, der bleibt! Die Fortbewegung in der Stadt ist so individuell und die Nutzer lieben Einfachheit und digitale Lösungen – E-Scooter treffen also absolut den Zeitgeist. Aber sie sind nur eine Gattung – langfristig geht es um weitere Nahverkehrsangebote im Bereich Micromobility. Auch sind sie nur die erste Evolutionsstufe und müssen sich weiterentwickeln, derzeit werden daher bereits erste wetterbeständige „Pods“ getestet. 

Insgesamt ist das Geschäftsmodell der E-Scooter sehr vielversprechend, mit großer Markenbekanntheit und hoher Usability können die Roller laut unserer Studie bei den Nutzern punkten. Aber der Wettbewerb unter den Anbietern ist derzeit noch sehr intensiv, die Konsolidierung steht erst bevor.

Derzeit wetteifern fünf Anbieter um Nutzer. Wie viele bleiben übrig?

Die, deren Kapital länger reicht. Die Anbieter aus den USA mit Bewertungen über 1 Mrd. Euro haben schon viel Geld eingesammelt, aber auch deutsche Anbieter wie TIER füllen ihre Kriegskasse. Damit der Business Case für sie alle aufgeht, sind aber maximal zwei oder drei Anbieter realistisch. Auch aus Nutzersicht ist eine Konsolidierung notwendig, damit nicht mehr bis zu sechs verschiedene Apps benötigt werden. 

Was ist Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung, gelingt „New Mobility“ hierzulande der Durchbruch? 

Der Durchbruch im Mobilitätsmarkt kann nur durch ein gutes Zusammenspiel von Politik und Regulierung erfolgen. 

Wie kann die Politik die Mobilitätswende unterstützen?

Die Politik hat eine entscheidende Rolle inne, denn ohne gezielte Lenkung ist die Mobilitätswende kaum zu schaffen. 

Außerdem können durch Regulation alle E-Scooter-Anbieter dazu verdienen. Das zielt besonders auf Daten ab. Viele Städte, unter anderem Lissabon und San Francisco, haben bereits Standards definiert, welche Daten aus der Mobilitätsdienstleistung an sie übermittelt werden müssen. Das sind echte Nutzerdaten, die jede Stadt verwenden sollte, um die Mobilitätswende mit passenden individuellen Maßnahmen zu fördern. Zusätzlich sollten Daten erhoben werden, die nicht auf Lobby-Arbeit, Vermutungen oder gedanklichen Szenarien basieren, sondern aus verschiedenen Quellen wie ÖPNV, Carsharing sowie direkten Befragungen erhoben werden. 

München ist ein gutes Beispiel für die Sinnhaftigkeit von neuen Mobilitätsangeboten. Der hiesige ÖPNV, vor allem auf der Stammstrecke, basiert aus den 80er-Jahren. Die Stadt versucht zwar den Nahverkehr anzupassen, kann aber proaktiv kaum etwas gestalten. Nur neue Mobilitätsservices können den Verkehrskollaps verhindern und sinnvoll ergänzen. 

Wie müssen sich die etablierten Konzerne – insbesondere Automobilhersteller und Versicherungen – hier aufstellen, damit sie nicht den Anschluss verlieren?

Die Automobilhersteller sind nur ein großes Puzzleteil, es geht um eine gesamte Industrie. Immer noch ist Deutschland und die Autoindustrie Innovationsvorreiter, auch wenn man sich die Patentstatistiken für autonomes Fahren anschaut. Wer glaubt Autobau sei einfach, der irrt gewaltig. Das merken auch die großen Unternehmen wie Google. 

Die Kompetenz komplexe Ingenieursprozesse zu lösen, muss die Autoindustrie auf die digitale Welt übertragen. Daher werden bei allen Herstellern, ob BMW in Lissabon oder VW in Wolfsburg, digitale Kompetenzbereiche gebildet. 

Schaut man hingegen auf die Versicherer, so haben diese ihre Unternehmen schon mit Spezialeinheiten für New Mobility aufgerüstet und sich auf die Versicherungswünsche hinsichtlich der neuen Mobilitätsangebote eingestellt. Gleichzeitig ist der Wandel von B2C- zu B2B-Kunden natürlich eine Herausforderung für alle Geschäftsmodelle, da die Kundenschnittstelle aus dem B2C-Markt wegfällt. 

Herr Nonnenmacher, inwieweit nutzen Sie persönlich schon „New Mobility“-Angebote und wie ist die Haltung von The Nunatak Group zu diesem Thema?

Ich persönlich bin ein Heavy User von neuen Mobilitätsangeboten, vor allem bei Reisen in fremde Länder sind die Vorzüge von Uber & Co. mehr als überzeugend. In München komme ich aber am liebsten immer noch mit dem Fahrrad ins Büro.

Im Bereich Recruiting merken wir schon lange, dass die Zeiten, bei denen in Bewerbungsgesprächen nach einem Firmenwagen gefragt wurden vorbei sind. Daher überzeugen wir in Sachen Mobilität mit Alternativen. Für unser Team stehen zwei Company-Fahrräder bereit, mit denen sehr gern zu Kundenterminen gefahren wird und wir verfügen über einen Carsharing Business Account. Weitere Ideen wie ein Mobilitätsbudget oder Jobrad sind bereits intern in der Diskussion.

Im Rahmen unserer Afterwork-Veranstaltung am 13.11.2019 stellen wir unsere aktuelle Studie „New Urban Mobility” vor.